SHARE

Weingut Rothe – Kvevri / The Georgian Art of Making Wine

Winery_Rothe

WEINGUT ROTHE

Manfred_Rothe

Der Minimalismus sucht seine Existenz in der Reduktion. Das Wesentliche wird akzentuiert, um daraus eine andere Sichtweise zu gewinnen. Weinherstellung und Minimalismus? Zum Weinmachen braucht man nur Trauben und einen Behälter für die Gärung. In Franken steht ein besonderes Behältnis. Eine georgische Amphore, genannt Kvevri. Manfred Rothe ist weltweit einer von rund 20 Winzern außerhalb Georgiens, die Wein in Kvevris vergären. Reduktion von Komplexität, denn der Wein wird gelesen und wandert anschließend bis zu 11 Monate in die Amphoren. Sonst nichts. Durch Einfachheit entsteht Komplexität. Im Wein. Für alle diejenigen, die gerne zum ursprünglichen zurückkehren und durch Purismus etwas Neues entdecken wollen, sind diese Weine eine großartige Bereicherung.

Die Weine 


KVEVRI 2013, WEIß
Das ist fränkisch-georgisches Mundspiel. Kraft trifft auf Harmonie. Denn die Gerbstoffe fordern heraus. Die Frucht stellt sich kräftig dagegen und kann sich grossartig behaupten. Doch der Fruchtgeschmack ist anders. Es sind Fruchtaromen, die eher mostig wirken. Apfel, Birne und Quitte zeigen sich in der Nase und am Gaumen. doch mit der Zeit entsteht in reiches, kontrastreiches Geschmacksbild. Kräuter, Karamell, ein wenig Tabak. Es ist ein Wein, mit dem man Zeit verbringen muss. Und es wird nicht langweilig. Er überrascht, neue Assoziationen kommen und gehen. Mundspiel und Kopfspiel zugleich. Die Karaffe darf nicht fehlen. Ein Wein der selbst Zeit brauchte um so zu werden, wie er ist. Zeit braucht auch der Verkoster. Man muss sich auf ihn Einlassen. Dann entsteht eine starke Bindung zwischen Wein und Mensch.

SILVANER INDIGENIUS 2013 ORANGEWINE
Auch hier gilt: Karaffe her. Dieser Wein braucht Luft zum atmen. Da fühlt er sich sehr heimisch, so wie seine Namensgebung. Dieser Orangewein mag kein Wein für jeden Tag sein, doch es ist eben eine Bereicherung für jeden, der geschmacklich etwas weiter „ausholen“ möchte. Eine Kombination aus reifer, kompottartiger Frucht, balsamisch-würzigen Einflüsse und kräftiger Struktur. Im Einklang mit guter Balance. Das Geschmacksbild zwischen Nase und Gaumen ist sehr homogen. Kompottapfel, Quitte und nussige Facetten ergeben einen komplexen und spannenden Moment. Ein Wein für sinnliche Momente. Und er bereichert jedes gut durchdachte Foodpairing.

SILVANER  2015
Wer einen ehrlichen Franken sucht, ist bei diesem Wein richtig. Kein Schnickschnack.
Kein Seelenwein. Im Mund zeigt er sich sortentypisch. Leicht schwingt der Wein am Gaumen. Eine angenehme Frische vibriert. Mineralik gesellt sich dazu. Die Frucht ist dominant und rundet den Wein ab. Ein Silvaner, der im Alltag Freude bereitet.

SILVANER  GRANDE 2015
Der Große Silvaner. Er bringt die Charakteristik seine Vorgängers mit, die durch Leichtigkeit und Trinkfluss geprägt ist. Doch alles wirkt kompakter. Intensivere Mineralik. Mehr Struktur und dichtere Frucht. Dadurch setzt er Akzente, die auch für Gerichte jenseits des Spargels vorzüglich passen.

Das Interview

Du hast dich für die Arbeit mit Amphorenwein entschieden. Warum?

Ursprünglich stammt die Idee aus einem Winzerseminar, dass mich damals sehr inspirierte. Es ging um dasThema Minimalismus in der Önologie. Die zentrale Frage war: Was brauchen wir wirklich, um Wein herzustellen. Die Antwort is denkbar einfach. Wir brauchen Trauben. Sonst nichts. Unter anderem war dort auch ein Referent aus Georgien, der die georgische Weinkultur dort vorstellte. Dieses Erlebnis hat mich nachhaltig geprägt. Für mich stand seit diesem Erlebnis fest, dass diese Art Wein zu machen, für mich relevant ist.

Es ist gar nicht so einfach an eine georgische Amphore zu kommen, oder?

Richtig, Seit 2014 gehört die georgische Weinkultur zum immateriellen Erbe der Menschheit. Seit dem ist es nicht leichter geworden diese Original Kvevris zu bekommen.

Was passiert eigentlich in einer Amphore?

Trauben, Kerne und teilweise Stile werden monatelang in eine Amphore gegeben und vergoren. Daraus entsteht Wein.

Welche Rebsorten sind für die Amphore geeignet bzw. welche Rebsorten benutzt du?

Meiner Überzeugung nach, braucht die Amphore robuste Trauben. Sie müssen eine harte Schale haben. Durch die Mazeration (Kontakt mit der Maische) erfolgt in diesen Tonamphoren eine Extraktion von Phenolen, Tanninen und Gerbstoffen. Je haltbarer und komplexer ein Wein später sein soll, desto mehr sollten diese Trauben von diesen Eigenschaften mitbringen. 
Bei uns ist der Silvaner als Weißwein für die Amphore prädestiniert. Die andere Amphore ist bei uns mit Blauem Zweigelt gefüllt. Diese Traube ist zwar etwas ungewöhnlich in Franken, aber wir haben Pioniergeist. Wir wollen im Zuge des Klimawandels nicht unnötig bewässern und damit den Wein beeinflussen, da der Mensch hier etwa ausgleicht. Der Blaue Zweigelt, den wir bereits seit 15 Jahren anbauen, bringt alles mit, um für die Amphore und den Strukturwandel zukünftig gut gerüstet zu sein.

Es gibt eine steigende Nachfrage nach Weinen, die aus der Kvevri stammen. Warum interessieren so viele Leute für eine Methode Wein zu machen, so wie vor 7000 Jahren?

Der Reiz des Neuen und des Besonderen ist in eine Sackgasse geraten. Endstation. Denn Weine werden und wurden viel zu oft zurecht designed. Sie tragen die Aromatik, die der Markt möchte, jedoch repräsentieren sie nicht mehr das Ursprüngliche. Damit entsteht eine Austauschbarkeit. Aufgrund der großartigen Struktur Deutschlands und Frankens (Kleinbetriebe), können wir auf eine Vielfalt von Winzern schauen, die es im Gegensatz zu großen Marken möglich macht, eine unverwechselbare Handschrift des Winzern und eine Diversität zu erreichen. Sie können die Suche nach der Ursprünglichkeit sehr gut bedienen.

Wie schmeckt ein Wein aus der Amphore gegenüber einem „konventionellen“ Wein?

Der Amphorenwein ist von Phenolen und Gerbstoffen geprägt. Nicht so sehr von den Primäraromen wie z.B. Zitrusfrucht. Es sind Weine, die von der Aromatik einen Schritt weiter sind. Der Wein schmeckt plötzlich nach Kompott, nach Quitte, nach Maische und Trester. Er schmeckt also nach Reife. Man muss sich auf den Wein einlassen. Eine Beziehung zu ihm aufbauen. Dann kann es sein, dass man Freunde wird. Man sollte ihn aus dem größten Glas des Hauses genießen. Er braucht Luft zum atmen.

Du selbst bist auch Koch. Wie kann ein Amphorenwein bei Dir punkten. Und mit welchem Foodpairing?

Der Amphorenwein kann mit einem komplexen Gericht sehr gut standhalten. Und er ist auch ein guter Begleiter zum Beispiel zu Chicorée. Da machen herkömmliche Weine oft schlapp.
Hier meiner persönlichen Highlights:
– Kleine Spargelstücken, blanchiert. Richtig bissig mit Meersalz und Kapern mit Olivenöl und 2-3 Tage im Weckglas stehen lassen.
– Topinambur roh in Scheiben schneiden und in der Pfanne anbraten mit Shiitake-Pilzen, Zwiebeln und Meerrettichspänen. Herrlich.

Die Langlebigkeit wird immer wieder diskutiert. Wie lang kann sich Amphorenwein halten und welches Reifepotenzial steckt in deinen Weinen?

Eine Langlebigkeit der Weine ist meiner Meinung nach gegeben, weil sie kein vorgefertigtes Geschmacksprofil haben. Fünf Jahre brauchen meine Amphorenweine, um ihr ganzes Spektrum zu zeigen. Vorher zeigen sie ständig neue Bilder. So um das fünfte Jahr rum ist er Erwachsen. Er bewegt sich dann nicht mehr so viel weiter wie die Zeit davor. Er wird harmonischer und findet zu sich selbst. Bis zum zehnten Jahr sind es dann erwachsene Weine, die faszinieren.

Es gibt lediglich ca. 20 Winzer auf der Welt, die ausserhalb Georgiens auf diese Art Wein machen. Warum sind es eigentlich so wenige?

Es ist gar nichts einfach an Amphoren zu kommen. Aber ist nicht nur ein Beschaffungsproblem. Man muss sich ganz auf diesen Wein Einlassen. Man muss ganz hinter diesem Konzept stehen. Nur dann entsteht Authentizität.

Deine Amphoren fassen jeweils 1200 Liter. Klassische Amphoren sind 600 Liter groß. Gibt es ein Unterschied im Endergebnis?

Nein, ich denke nicht. Was den Geschmack des Weines durchaus beeinflußt, ist diese Eiförmigkeit. Es ist eine optimale Form, in der etwas verwandelt werden kann. Prozesse können optimal ablaufen. Es macht aber keinen Unterschied, ob die Amphore 1200 Liter oder 600 Liter faßt. 

In Georgien wird immer noch viel mit Amphore gearbeitet, doch diese Weine schaffen es nicht so recht auf die Weinkarten der Gastronomie. Wie wichtig werden georgische Weine zukünftig sein?

Georgien ist das Armenhaus Europas. Georgien hat 200.000 Hektar Rebfläche. Und man mag es kaum glauben. Es gibt den Beruf des Winzers nicht. Jeder macht Wein. Es gab nie wirkliche Qualitätsansprüche an den Wein, denn „Omas Marmelade“ ist immer die Beste. Aufgrund dieser enormen Rebfläche gibt es natürlich auch viel Interesse von großen Investoren. Es wird jetzt geradezu überrollt von Investments. Und bei diesen Investments geht es nicht mehr um die Tradition Kvevri und nicht um die alten, autochthonen Rebsorten. Deshalb auch der Status des Weltkulturerbes, um diese Art Wein zu machen, zu schützen. Ich hoffe, dass sich der georgische Markt weltweit etablieren kann, immer unter der Prämisse, diese 7000 Jahre alte Kultur zu schützen und zu bewahren.

Und wie wird sich der Wein außerhalb Georgiens und in Deutschland entwickeln?

Momentan gibt es ca. 20 Winzer ausserhalb Georgiens, die dieses Kultur pflegen und zelebrieren. Dieses Geschmackserlebnis ist aber für alle offen. Es wird sicherlich in Zukunft mehr Winzer geben, die Amphorenweine mit ins Portfolio nehmen. Doch es ist nun einmal noch eine zarte Pflanze außerhalb Georgiens. Aber sie wird definitiv wachsen.

Deine Prognose: Wie viele Winzer werden 2025 mit Amphoren außerhalb Georgiens arbeiten?

Doppelt so viele.

Wird es eine neue Amphore bei Dir geben?

(lacht). In den nächsten zwei Jahren noch nicht.

Welche Projekt gibt es für die Zukunft?

Minimalistische Arbeit. So wenig wie möglich Hand anlegen. Und das Weinsortiment möchte ich weiter in Einklang bringen. Dazu gehört, Orangewein und Naturwein. Weine mit langer Maischekontaktzeit. Ich möchte Grenzen erweitern. Wie würde ein Gewürztraminer oder eine Scheurebe in einer Amphore wohl schmecken?