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Weingut Fritz Haag Mosel Deutschland Interview


Weingut Fritz Haag, Mosel, Deutschland

Weingut-Fritz-Haag-Oliver-Haag-Cover

Es scheint, als gäbe es einen kausalen Zusammenhang zwischen der Lagenbezeichnung des Weingutes Fritz Haag und dem Weingut selbst. Das verbindende Element: Die Juffer. Juffer, im mosel-fränkischem Dialekt Jungfer bedeutend, scheint wie maßgeschneidert auf die Weine vom Weingut Fritz Haag zu passen. Elegant, feingliedrig und mit nicht endend wollender Kraft und Frische. In heutiger Generation hält Oliver Haag die Lagen Brauneberger Juffer und Brauneberger Juffer Sonnenuhr weiterhin an der Spitze. Er selbst denkt puristisch, die Weine selbst könnte man als „Moselle pure terroir“ bezeichnen. Die Idee, die Weine behutsam extrem präzise als geschmackliches Spiegelbild des Bodens und Klimas zu begleiten, ist hinreichendes Kriterium für hohe Qualität. Doch die Mosel bietet eben mehr. Extreme. In ihrem geologischen Gewand, welches einzigartige Konditionen für den Riesling bietet. So entsteht ein unvergleichbares Süße-Säure-Profil. Unkopierbar. Nur hier ist das Spiel mit der Süße, der Frische, Mineralik sowie einer filigranen Leichtigkeit im Verbund mit Reife und Tiefe möglich. Der Schlüssel für die Harmonie ist eine Moderation der Extreme. Eine notwendige Bedingung für außerordentliche Weine, eine Liaison amoureuse, zwischen Purismus und dem Dreiklang von Frucht, Säure und Süße. Mit diesem Verständnis im Gepäck gelingt es Oliver Haag, die Klaviatur der Prädikate, von trocken über süß bis edelsüß, zu spielen. Für einige grosse Weine des Weingutes lässt jedoch der harmonischste Akkord noch auf sich warten: Die Reife. Zeit wird zeitlos – Genau wie bei der nimmer alternden Juffer in Brauneberg.


Die Weine

2016, Brauneberger Riesling, VDP.Ortswein

Na logisch, die Frucht steht hier klar im Mittelpunkt. Zitrus und Pfirsich geben den Ton an. Alles wirkt sehr klar und präzise. Ausgewogenheit ist bereits in diesem Ortsriesling sehr gut angelegt. Mineralik und kräftige Würze ergänzen etwas weiter im Hintergrund spielend. Ein charmanter Wein, bereits hier sehr gut gemacht.

2016, Brauneberger Riesling -J-, trocken, VDP.Ortswein

J? Wir starten unsere Reise in die Lage „J“uffer, stammt eine große Menge des Traubenmaterials aus diesen Lagen. Und dieser Wein gibt Gas. Alles wirkt straffer, präsenter, kraftvoller. Zitrus und Apfel bleibt auch hier in der Fruchtdimension vordergründig, wird jedoch durch ein komplexeres Korsett aus Würze und Mineralik gestützt. Die Textur wirkt vollmundig, Finesse und Eleganz schwingen mit. Das Finish bildet noch einmal den Wein komplex ab und zeigt, wie stark die Lagen der Juffer im Wein Ihre Performance findet.

2016, Brauneberger Riesling Kabinett, VDP.Ortswein

Kabinett par excellence! Hier tanzt die Säure mit der Süße, in Leichtigkeit mit- und umeinander vibrierend. Mitten drin steht die für Fritz Haag typische mineralische Note, etwas rauchige und zitrische Noten kommen dazu. Weniger Gravitation, mehr Schwerelosigkeit. Schön gemacht.

2011, Brauneberger Juffer Sonnenuhr, Riesling Spätlese

Mit diesem Wein zeigt Fritz Haag, wie man Leichtigkeit, Rundlichkeit, Potential und Kraft in einem Wein vereint. Reife formt Nobles! Alles scheint aus einem Guss. Frucht, Süße, Säure und Mineralik formen auf einen Punkt gebracht mehr Komplexität. Die Textur beeindruckt durch Ihre Dichte. Nichts wirkt laut. Wunderbar energetisch. Das lange Finish spiegelt den Wein klar wieder. Andacht. Sehr gross!


Das Interview

Würden Sie Musik machen, dann wären sie quasi ein Popstar. Was macht die Weine von Fritz Haag so gut?

Popstar naja…, als populär betrachte ich mich persönlich nicht. Wenn man es auf die Musik bezieht würde ich uns als Weingut eher im Jazz sehen oder im Bereich der guten alten Rockbands wie CCR oder Tom Petty. Klassisch, eingängig und mit Beständigkeit.

Was zeichnet Ihre Weine aus?

Kurz und bündig würde ich sagen, Eleganz, Typizität, traditionelles Handwerk & Klarheit. Schlanke, präzise sowie mineralisch betonte Weine, die uns das Terroir der Mosel liefert.

Die zwei Lagen Brauneberger Juffer und Brauneberger Juffer Sonnenuhr sind weltberühmt. Welche Unterschiede in der Stilistik der Weine gibt es?

Beide Lagen ähneln sich hinsichtlich ihrer Bodenbeschaffenheit und Exposition. Nur die Weine aus diesen Lagen besitzen ihren eigenen Charakter.

Die Rieslinge der Juffer sind jugendlich, frisch, charmant. Zeigen sich dabei verspielt und lebendig mit einem femininen Touch. Man kann sagen, dass sie diese jungfräuliche Art besitzen und den Namen der Lage regelrecht verkörpern. Denn Juffer bedeutet Jungfer im mosel-fränkischen Dialekt.

Die Weine kommen aus verschiedensten Parzellen des Braunebergs. Zum Teil aus kühleren Lagen an der Bergkante oder aus sehr steinigen und steilen Gewannen im Herzen der Juffer.

Mein Vater behauptet immer, die Brauneberger Juffer sei die einzige Jungfrau, die mit zunehmenden Alter besser wird. (schmunzelt)

Die Juffer Sonnenuhr ist die wärmere Lage, wenn man das so sagen will. Sie ist das Filetstück des Braunebergs im felsigen Herzen.

Die Weine aus ihr spiegeln dies hervorragend wieder. Sie sind tief, kraftvoll und dennoch leichtfüßig. Man erkennt auch eine dichtere und kantigere Struktur in Kombination mit einer facettenreichen Frucht und herrlichen Würze.

Um einen Riesling aus dem Hause Fritz Haag zugänglicher zu verstehen, welche Attribute sind essentiell?

Essentiell ist vor allem die Tatsache, dass wir einen Familienbetrieb führen mit einer langen Historie, auf die wir sehr stolz sind. Alle unsere Weinberge sind Steillagen mit einem sehr hohen Anteil an blauem Devon-Schiefer und liefern somit das perfekte Fundament für unsere Rieslinge. Dieses einmalige Terroir verleiht unseren Weinen die bereits erwähnte elegante, präzise und mineralische Struktur und zeigt dabei deren Herkunft.

Wir haben eine klare Trennung in unseren Qualitätsstufen und vor allem in den Prädikaten.
Klarheit ist ebenso etwas sehr bezeichnendes für unsere Weine. Wir streben ein Höchstmaß an Qualität und Reinheit der Frucht an, was uns auch nur durch eine penible Selektion der einzelnen Trauben während der Handlese gelingt.
Ein weiteres und wohl auch das elementarste Attribut ist die Trinkigkeit und Zugänglichkeit.
Wein soll Freude bereiten, geteilt und vor allem getrunken werden!

Unsere Klassifikation nach Gedanken des VDPs ist einfach, international verständlich und herkunftsbezogen.

Bei den GG´s ist es die Komplexität, die fasziniert. Wie entwickeln sich mit der Zeit die Weine und nach wie viel Jahren sind sie im Schnitt auf ihrem Höhepunkt?

Die Großen Gewächse werden mit zunehmenden Alter expressiver, würziger und komplexer ohne dabei an Frische zu verlieren. Das Besondere hier ist die Vielschichtigkeit dieser Weine. Je reifer sie werden, desto mehr zieht sich die Primärfrucht zurück und wandelt sich in eine herrliche saftig-reife Frucht.

Erst vor kurzem, zum 80ten Geburtstag meines Vaters, öffneten wir eine Magnumflasche 2005 Juffer Sonnenuhr Riesling GG. Der Wein zeigte sich einfach grandios. Immer noch frisch, feingliedrig, mit einer unglaublichen Spannung und unendlichen Facetten. Das ist es, was ein Grosses Gewächs ausmacht! Erst das richtige Maß an Reife zeigt wirklich, was diese Weine können.

Generell kann man sagen, dass die GG’s der Juffer circa nach 5-10 Jahren eine herrliche Trinkreife erreichen. Bei der Juffer Sonnenuhr liegt diese zwischen 7-12 Jahren.
Aber diese Empfehlungen sind auch von Jahrgang zu Jahrgang etwas unterschiedlich.

Letztendlich ist es eine Frage des persönlichen Geschmacks, wann diese Weine geöffnet werden. Manch einer mag eher gereiftere Weine und andere wiederum bevorzugen eher die jugendlichen Seiten eines Rieslings.

Was sind seit 2005 Ihre wichtigsten Akzente, die Sie in den Wein bzw. in die Marke gebracht haben?

Für mich war es wichtig, unsere 400 jährige Geschichte und den Qualitätsgedanken meines Vaters weiterzuführen. Der traditionelle Stil der Moselweine ist etwas Zeitloses und wird immer aktuell bleiben. Gerade die fruchtsüßen Weine haben die Mosel so bekannt gemacht. Und warum sollte man daran etwas ändern?

Die trockene und feinherbe Stilistik gab es in unserem Weingut schon immer. Durch die unterschiedlichsten Erfahrungen, die ich während meiner beruflichen Laufbahn bei verschiedenen Betrieben sammeln konnte, ist es uns gelungen, dieses Segment auszubauen und zu verfeinern.

Ich bin davon überzeugt, dass wir hier an der Mosel einzigartige Rieslinge in allen Geschmacksrichtungen ausbauen können, abseits des Mainstreams.

Zudem sind wir in den letzten Jahren gewachsen. Kontrolliert und vor allem gesund. Es haben sich hier und da immer mal gute Gelegenheiten geboten, schöne Parzellen in den Steillagen der Juffer und Juffer Sonnenuhr sowie auch um Brauneberg herum zu erwerben.

In den vergangenen Jahren haben sich die Abläufe in der Produktion etwas angepasst. Mit Hilfe moderner Technik versuchen wir, dass traditionelle Handwerk beizubehalten und zu vereinfachen. Dadurch können wir noch schonender, nachhaltiger und selektiver arbeiten.

Was war die kurioseste Geschichte bzw. Kommentar bei einer Verkostung?

Das kurioseste was ich einmal erlebt habe, hat sich auf einer Exportreise nach Taiwan ereignet. Ich war damals mit unserem dortigen Importeur im Inland der Insel unterwegs und wir hatten ein abendliches Weindinner. Thema des Abends sollte sein: „Fruchtsüße Riesling in Kombination mit scharfem und würzigen Essen“. Angefangen hat alles sehr locker und das Foodpairing war sehr gelungen. Ab einem bestimmten Zeitpunkt im Menü meinte der Koch es wohl doch etwas zu gut mit der Schärfe. Ich selbst bin ja, was Würze angeht, nicht allzu zimperlich, aber wenn selbst Einheimischen der Schweiß auf der Stirn steht und sie rot werden…
Die Blicke und Reaktionen der Gäste um mich herum bleiben mir ewig im Gedächtnis. Ein wahrhaft feuriger Abend!

Geben sie uns einen Tipp was wir in Ihrem persönlichem Weinkeller für Schätze (außer Ihrem Riesling) finden können?

Da finden sich einige schöne Weine von Kollegen.

Zu meinen Favoriten zählen neben Riesling, die Weine des Burgunds. Zum Beispiel schätze ich die Pinot Noirs von Domaine Dujac aus Morey-Saint-Denis oder die Chardonnays von Guy Roulot. Das Burgund ist eine unglaublich spannende Region und hat so viel an Qualität zu bieten.
Aus Deutschland sind für mich die Weißburgunder vom Weingut Wöhrle aus Lahr (Baden) mit an vorderster Stelle. Nicht nur weil Markus ein Studienfreund von mir ist, sondern weil sein Lahrer Wein so ist, wie ich es am meisten mag: Klar, verspielt, fruchtbetont, elegant und mit einem schönen Schmelz. Einfach ausgewogen und saftig. Jahr für Jahr mit reichlich Trinkfluss.

Für was können Sie sich außer Wein begeistern?

Familie kommt da an erster Stelle. Am Wochenende am Spielfeldrand bei den Fußballspielen meines Sohnes stehen ist da ein Muss.
Und dann kommt da noch gutes Essen. Es ist einfach ein tolles Erlebnis wenn Weine und Speisen perfekt harmonieren. Eine Wissenschaft für sich, die mich immer wieder fasziniert und erstaunen lässt.

Ein Ausblick, wo würden Sie gerne einmal Winzer sein und warum?

Ich bin Moselaner mit Leib und Seele, da denkt man gar nicht daran woanders seine Zelte aufzuschlagen.

Interessant fände ich die Herausforderung Pinot Noir im nördlichen Burgund oder an der Loire auszubauen. Pinot Noir ist eine Rebsorte, die genau wie der Riesling das Terroir auf dem sie wächst hervorragend widerspiegelt. Aber die Mosel wird immer die Nummer 1 für mich bleiben.