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Weingut Braunewell – Dominated Experimentiveness

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Weingut Braunewell

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Zeit für Wein. Zeit für einen Wein aus dem Hause Braunewell. Ein Blick auf die Flasche. Das Logo wirkt abstrahiert, irgendwo zwischen dem Buchstaben „B“ für Braunewell und der Zahl „3“. Symbol für eine gewollte Zuspitzung mehrdimensionaler Aussagen? Lassen wir uns auf das Gedankenexperiment ein – manchmal hilft Abstraktion, um auf den Punkt zu kommen! Geführt wird das Weingut in einer Doppelspitze von Christian und Stefan Braunewell. Was ist also das imaginäre dritte Element im Bunde? Es ist die beherrschte Experimentierfreude. Die ausschlaggebende Quintessenz des Weingutes. Man will Lücken schliessen, um neue Interpretationen ins Spiel zu bringen. Auf hohem Niveau versteht sich. Die Qualitätspyramide wird dabei zwar gewahrt, doch es entsteht eher ein Qualitätskreis, der, egal wo man als Konsument steht, immer abholt, anstatt einen auf „Los“ zurückzusetzen. Damit hat man Rheinhessen sozusagen „in der Tasche“. Eine Entdeckungsreise von Riesling zu Burgundern. Von Weiss- nach Rot. Mit oder ohne Perlage. Reinsortig oder Cuvée. Mit oder oder Holzeinsatz. Alles aus einer Hand. Und warum beherrschte Experimentierfreude? Weil das Weinmachen beherrscht wirkt. Es verfällt nicht in eine Beliebigkeit, sondern die Weine tragen eine konkrete Idee in sich. Das macht sie präzise. Das macht sie spannend. Damit werden Grenzen erweitert um über sich hinaus zu wachsen. Experiment erfolgreich. Weiter so.

Die Weine


DER ROSÉ TROCKEN (Braunewell & Dinter), 2015
Dieser Rosé ist das Ergebnis einer Kooperation von den Braunewell Brothers und Frank Dinter. Und hier spürt man diese beherrschte Experimentierfreudigkeit par excellence. Dieser Rosé schiebt die Messlatte für Rose weit nach oben. Die Cuveé aus St. Laurent, Pinot Noir und Merlot sorgt für ein intensives Bouquet aus Erdbeere und Himbeere mit einem Hauch von Granit und etwas Vanille. Die Textur am Gaumen ist großartig schmelzig, die den gesamten Gaumen weich umspült. Zitrusfrucht und Pfirsichnoten wechseln sich im Spiel mit mineralischen Noten ab, die durch ein rauchiges Aroma ergänzt werden. Die Abgang hält sich unglaublich lang und macht diesen Rosé zu einem intensiven Geschmackserlebnis, der lange in Erinnerung bleibt.

TEUFELSPFAD RIESLING TROCKEN, 2014
Der auf dem Teufelspfad großgewordene Wein trägt am Gaumen eine quirliges Dasein. Die Säure wirkt jung. Die Mineralien machen diesen Wein karg. Viel Platz für Frucht bleibt bei dieser Dichte nicht mehr. Er wirkt sehr straight. Im Bouquet ganz anders. Zitrus, Grapefruit, aber auch Anklänge von leicht süßlichen Einflüssen wie Ananas und ein wenig Melone. Ein Wein für alle Fans von „Geradeausweinen“ mit Komplexität und Straffheit.

ESSENHEIMER GRAUER BURGUNDER KALKMERGEL, 2015
Die Stärke dieses Weines: Kalkmergel. Es ist ein Grauburgunder, der Würze und Salzigkeit in einem Wein vereint, ohne aus der Balance zu geraten. Die Frucht ist deutlich zu spüren und wird durch pfeffrigen Noten ergänzt. Der Schmelz gibt ihm Eleganz. Ein Wein, der breiter aufgestellt ist, jedoch die salzige Identität durchweg in allen Genussmomenten ausspielt.

TEUFELSPFAD SPÄTBURGUNDER TROCKEN, 2013
Dieser Spätburgunder ist kein Schwergewicht. Muss er auch gar nicht. Er ist so ausbalanciert, dass alles leicht wirkt. Feine Tannine, leichte Mineralik und eine milde Säure bringen Eleganz in den Wein. Die Frucht gibt etwas mehr Gas und präsentiert sich leicht in Richtung Konfitüre. Die Würze bringt mehr Tiefe in den Wein und bleibt mit der Frucht in Einklang. Insgesamt dominiert jedoch die Eleganz und wird durch etwas mehr „hands-on“ Attribute angereichert, die ihn interessanter machen.

Das Interview


Warm-up: Kino oder Konzert und was war es?

Christian(C):  Konzert: Cinephonics – Filmmusik gespielt von einem symphonischen Blasorchester junger Musiker aus der Region.

Stefan (S): KinoVino, und es könnte jeden Tag „Pulp Fiction“ sein.


Offensichtlich wisst ihr genau wo ihr hinwollt in Sachen Wein. An die Spitze. Was ist der Schlüssel zum Erfolg im Allgemeinen?

(C) Leidenschaft. Ehrgeiz und Konsequenz im Handeln. Ein gutes Terroir. Ein starkes Team und der  Generationenzusammenhalt.

(S) Gute Weine brauchen eine Idee und eine Inspiration. Die Idee ist simpel: Wir wollen die Stärken des Selztals ausspielen. Die Inspiration kommt dabei aus dem offenen Austausch mit unseren Kollegen über Wein und die Kraft, es umsetzten zu können. Dabei hilft der Ruhepol der Familie und die Heimat Essenheim an sich.

In der Weinbereitung habt ihr mehrere Schwerpunkte. Nicht nur Burgunder, sondern auch Riesling und Sekt machen Euch viel Freude. Jetzt im Speziellen: Wie schafft ihr das, in allen diesen Bereichen vorne dabei zu sein und welche Sorte macht Euch momentan sehr viel Spaß?

(C) Nicht alle Lagen sind für jede Sorte bzw. für jede Weinart gleichermaßen geeignet. Aus der Vielfalt an Lagen und Böden haben wir kühle, kalkreiche Hangkopflagen für Riesling reserviert. Während die tonigeren Kalkmergellagen im heißeren, mittleren und unteren Hang besondere Burgunder bringen. Die Sekte sind bereits seit vielen Jahren durch unseren Vater auf einem hohen Niveau, nur hat das lange Zeit niemand mitbekommen. Am meisten Spaß haben wir derzeit an unseren Spätburgundern, die immer präziser und feiner werden, aber gleichzeitig saftig und füllig bleiben sollen.

(S) Spätburgunder! Wenn wir wirklich in ein Thema viel Zeit stecken, dann ist es Pinot. Die Sorte passt so gut ins Selztal. Sie passt so gut zu uns. Man kann so unglaublich viel damit machen. Großartig. Wir waren und sind schon immer breit aufgestellt. Von Weiß über Rosé nach Rot. Orange mit Bubbles und ohne.Und während die ganze Weinbranche Ihr Spezialthema sucht, suchen wir in jedem Thema das Spezielle.

Was sind Eurer Meinung nach die Stellschrauben, um den Geschmack moderner Weintrinker zu treffen?

(C) In aller erster Linie brauche ich gesundes und reifes Lesegut aus Weinbergen, die limitierte Erträge bringen. Und das in jeder Qualitätsstufe! Unsere Weine zeichnen sich durch eine hohe Fülle, Dichte und Eleganz aus. Somit fallen die Weine positiv auf.

(S) Wir machen nur Weine, die uns auch schmecken!

Gibt es euren Wein auf einer Weinkarte in Deutschland oder international auf das ihr besonderes stolz seit?

(C)Wir sind über jede Flasche Wein stolz, die einen Tisch zur Tafel krönt bzw. eine Mahlzeit bereichert. Egal ob im Restaurant oder beim privaten Weinliebhaber zu Hause.

(S) Wir haben so viele tolle Partner. Ich kann mich da nicht festlegen.
Aber deutscher Riesling mit Schraubverschluss im Baskenland ist schon eine Herausforderung!

Maischevergoren, Orangewein. Ihr seid seit 2007 dabei. Warum habt ihr euch entschieden einen Orangewein zu kreieren? Und Ist der Trend nicht schon wieder vorbei?

(C) Anfangs war uns gar nicht bewusst, einen Orangewein gemacht zu haben. Erst 2013 wurde uns das nach einem Symposium klar und begannen dann die Weine auch so zu kommunizieren. Seither ist ein stetiger Aufwärtstrend erkennbar, wobei wir hier sicher von einer Mode sprechen können.

Unsere eigene Idee bei der Maischegärung ist es, extremes Lesegut über die Vergärung mit den Schalen “besser” zu machen. Das bedeutet über den Alkoholverlust und Tannine dem Wein mehr Finesse zu geben. Oftmals dient der Orangewein aber als Verschnittpartner, um einigen unserer “normal” vergorenen Weine mehr Struktur zu geben. Was übrig bleibt, wird für die interessierten Weinliebhaber als Orangewein pur vermarktet.

(S) Mir geht dieses Gerede – der Hype – etwas auf die Nerven. Die Idee ist so simpel. Wir wollen deutschem Weißwein wieder mehr Struktur geben, um die Weine kantiger und haltbarer zu machen. Es geht nicht um den Nischentrend, es geht um den deutschen Weißwein an sich!

Interessant ist eure Strategie, Weine komplett anders zu interpretieren. Es gibt einen klassischen Grauburgunder neben einem Orange Wein als Grauburgunder  und einer Cuvée aus beiden. Warum macht ihr das?
(C) Es geht darum, weinbegeisterten Menschen die Möglichkeiten zu geben, Weine zu verkosten, die unterschiedliche Wege der Weinbereitung gegangen sind. Wir wollen ihnen eine Idee geben, welchen Einfluss der lange Schalenkontakt auf den Wein hat und für uns lernen, wie sich die Maischegärung auf die Entwicklung der Weine auswirkt.

(S) Wir machen es auch für uns. Wir wollen ganz sachte an das Thema herangehen und sehen, wie diese Idee vom neuen deutschen Weißwein reift und weiter wächst.

Wie sieht eurer Meinung nach der deutsche Weinmarkt zukünftig aus. Dunkle Wolken oder rosige Zeiten?
(C) Mittelfristig hoffen wir natürlich, dass die derzeit gute Stimmung für deutschen Weine weiter anhält und wir noch viele weitere Menschen für unsere deutschen Weine begeistern können. Langfristig wird der demographische Wandel auch im Weinmarkt zu spüren sein. Spätestens dann muss man gut aufgestellt sein, wenn der Weinabsatz einmal stagniert oder sogar abnimmt.

(S) Wir machen in Deutschland die besten Weißweine der Welt und leben hier in Rheinhessen im „Pinot-Paradise“. Und die Weine werden immer besser. Das Interesse aus dem Ausland immer stärker. Blauer Himmel, aber bitte ein paar Wolken, damit die Säure auch knackig bleibt.

Mit Rückenwind startet ihr nach der DLG Jungwinzerprämierung in das Jahr 2016. Was hat sich seit dem verändert?
(C) Nichts. Aber die Planungen für 2017/18 laufen!

(S) Naja Christian, es gab schon sehr viel Lob und Anerkennung. Unsere Kunden freuen sich mit uns. Und die Auszeichnung zum „Jungwinzer des Jahres“ lockt schon viele Leute ins Weingut und zu unseren Weinen. Grund genug, so weiterzumachen.

Als Winzer seit ihr zwar schon erfolgreich, aber noch sehr jung.  Welche Projekte sind euch in den nächsten 5 Jahren wichtig?

(C) Wir planen gerade eine größere bauliche Umstrukturierung im Weingut, um effizienter und zielgerichteter arbeiten zu können. Dabei ist es uns ein besonderes Anliegen, die Weinqualität auch bei wachsendem Weinabsatz weiter steigern zu können. Unter anderem soll ein großer neuer Holzfasskeller entstehen. Natürlich wird auch im Bereich Logistik und Vermarktung vieles optimiert. Und wir wollen beim Weingenuss endlich den tollen Blick über Rheinhessen einfangen, d.h. die Vinothek aus dem Keller in den Weinberg verlegen!

(S) Es ist tatsächlich sehr beengt. Wir wollen uns neu aufstellen, um langfristig weiter gute Qualitäten zu erzeugen, ein guter Arbeitgeber sein zu können und Ressourcen zu schonen. Das ist ein interessantes Spannungsfeld für die nächsten Jahre.

Ihr habt den Mainzer Weinsalon ins Leben gerufen. Warum? Und kann man junge Weintrinker mit solchen Initiativen nachhaltig für Wein begeistern?

(C) Ganz bestimmt. Wir haben nach 7 Jahren Aufbauarbeit beim letzten Weinsalon die Schallmauer von 3000 Gästen geknackt. Und davon sind 80 Prozent unter 35 Jahren. Man muss wissen, dass der Weinsalon nur einmal im Monat an einem Dienstagabend stattfindet.

Daneben war unsere Idee, die Mainzer mit jungen Winzern aus Rheinhessen zu begeistern und unter den Jungwinzern selbst ein starkes Netzwerk zu etablieren.

Was sind eure Lieblingsorte in Rheinhessen wenn es nicht um Wein geht?

(C) Ein Sonnenaufgang auf dem Petersberg in Gau-Odernheim oder ein gemütliches Picknick auf einem der anderen 99 Hügel Rheinhessens.

(S) Es geht in Rheinhessen immer um Wein, im Wingert, im Dorf, im Café, auf dem Markt, im Konzert, etc. Was für eine Frage? Mein Lieblingsplatz ist der Hieberg mit dem Sonnenuntergang zum Feierabend – natürlich mit Wein. Oder der Wasserspielplatz im Volkspark mit den Kindern. Achtung, auch da ist ein Café mit gutem Wein!