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Weingut Bernhard – Dances with Wolves


Weingut Bernhard

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Es ist Abend. Stockdunkel. Der Weinberg ruft. Raus und den Wein spüren. Angekommen. Plötzlich funkeln zwei Augen auf. Gegenüber ein Wolf. Was nun? Möglichst alles richtig machen oder das Richtige machen? Flucht nach vorn oder bescheidener Rückzug? Übertrage wir diese Begegnung mit dem Wolf auf den Ort Wolfsheim in Rheinhessen. Hier steht das Weingut Bernhard, das von Jörg und seiner 20-jährigen Tochter Martina geführt wird. Hier hat man sich in Sachen Wein ebenfalls diese Frage gestellt: Alles richtig machen oder das Richtige machen. Nach vorn oder konform verhalten. Es geht also im weiteren Sinne um die Überwindung einer Ebene. Nicht versteifen, sondern überwinden. Man hat sich für das letztere entschieden. Damit entstehen Weine, die frei von Dogmatismus sind. Weine, die geführt werden mit dem Ziel richtig zu sein, anstatt lediglich zu versuchen, in einem vorgegeben Rahmen alles richtig zu machen. Impuls für dieses Ergebnis ist die Freude am Wein selbst. Das führt über kurz oder lang jeden Weinliebhaber in die Situation, sich einmal einem Wolf gegenüber zu stellen. Ein Wolf, der viel in die Flasche bringt. Plötzlich funkeln wieder zwei Augen… Können Sie sie auch sehen?

Die Weine

Wolfsheimer Sankt Kathrin, Silvaner trocken, 2015

Ja, es existiert: Das Multiversum. Warum eigentlich einen Wein entweder nur klassisch oder nur „avantgarde-orange” interpretieren? Man nehme die besten Aspekte beider Partner und finde das Gleichgewicht. Gesagt und getan hat das Martina mit der ehrlichsten Rebsorte Deutschlands: Silvaner. Ein Wein, der jeden klassischen Silvanergaumen mit Aromen wie Heu, Birne, Apfel und Stachelbeere beglückt. Aber dazu kommt eben noch die oxidative Orangewein-Note. Keiner zerrt hier den anderen hin und her, sondern mit viel Respekt füreinander vereinen sich Maischegärung, Stahltank und Holz mit der kühlen und klaren Präsenz von Fruchtaromen, Rauch und Frische. Toller Wein.

Wolfsheimer Osterberg, Riesling trocken, 2015

Vom Silvaner zum Riesling. Und der Sprung ist gar nicht so hart wie man vermuten könnte. Denn dieser Riesling ist harmonisch und sanft, dank seiner eingehenden Holzstilistik. Wo ist aber das Gegengewicht zur Zartheit? Es sind die Fruchtaromen und die quirlig angenehme Säure, die das Yin-Yang im Wein ergeben. Das Fehlen des Maischeausbaus wurde bewusst unterbunden, um hier den Wein nicht in sich zu stören und damit zu überreizen. Die Reduktion schärft hier das Säureprofil und bringt klar die Fruchtaromen von reifem Pfirsich heraus.

Prädikatswein Gewürztraminer Auslese edelsüß, 2015

Yes, es wird Zeit für eine Auslese! Noch besser Gewürztraminer! Klar, Riesling Auslesen faszinieren mit ihrem extremen Spiel am Grenzwert von Säure und Süße. Aber es ist eine runde Sache, einen Gewürztraminer mit seiner Feingliedrigkeit zu bringen. Und man wird belohnt. Erst mit dem floralen Duft. Dann mit süßen Duftnuancen in Richtung Honig und Zimt. Der süß-säure Fächer ist nicht ganz so breit aufgestellt, jedoch wird man mit einem feinere Spiel der Aromen entlohnt. Aber auch die Mineralität und Würze findet Ihren Platz und wirkt präsent.

Wolfsheimer Silvaner trocken Ortswein, 2015

Und der Kreis schliesst sich eben mit diesem Ortswein Silvaner. Präsentiert sich der oben vorgestellte Sankt-Kathrin Silvaner sehr experimentell – hier eher die klassische Variante. Es ist eine Hommage an den Silvaner. Eben weil es die typischste Rebsorte in Rheinhessen ist. Weiß eben nicht jeder. Aber seine Vielfalt hat das Weingut Bernhard erkannt und gut herausgearbeitet. Dieser Ortswein wirkt dicht und bringt klassische Silvanernoten wie Quitte, Apfel und Birne und wird durch einen kräutrigen Eindruck in Nase und Mund ergänzt. Für alle, die gerne eine Rheinhessen-Silvaner-Reise machen möchten. Mit diesem Wein starten und mit dem Wolfsheimer Sankt Kathrin aufhören. Es wird schön!

Das Interview


Ihr seid die echten „Weinwölfe“. Es wird sich nicht lediglich um Lokalpatriotismus handeln, oder…?

Jörg: Der prägnante Schwarzwolf auf den Etiketten weist zwar in erster Linie auf den Standort hin, beschreibt aber auch unseren Charakter. Wölfe sind eher scheu im Sinne von unaufgeregt. Sie kennen auch jedes Fleckchen Erde. Jeden Stein in ihrem Revier. So wie wir unsere Weinberge, den Boden und alle „Bewohner“ kennen müssen.

Erfahrung und Experimentierfreunde sind Leitmotive Eurer Arbeit. Auf den Punkt gefragt, welche Experimente gibt es und wo führen sie hin?

Martina: Zum Beispiel darf unser Silvaner auch mal auf der Maische vergären. Dadurch wird der Wein sehr komplex, tanninreich und intensiv im Aroma. Nach einer langen Holzfasslagerung wird dieser dann in unseren St. Kathrin Lagensilvaner verschnitten.

Außerdem werden alte Holzfässer, in denen Jahrzehnte lang Rotwein gereift ist, wieder mit Weißwein befüllt. Durch das Naturprodukt Holz kann der Wein „atmen“ und viel harmonischer Reifen.

Experimentierfreude kann auch zum Dogma werden und damit zum „Ideologiefetischismus“ mutieren. Wie viel Ideologie steckt in euren Weinen?

Martina: Bei uns gibt es so etwas wie Ideologie nicht. Wir halten auch gar nichts von Prinzipien. Das einzige Prinzip, das Einzug in das Weingut gefunden hat, ist: Hab Spaß an dem was du tust. Klingt einfach, ist aber das Wichtigste in unserem Betrieb. Wenn man mit Freude und Elan bei der Sache ist, kommen einem die besten Ideen und man gibt den Trauben oder dem Wein automatisch die Aufmerksamkeit, die er verdient.

Silvaner ist (auch) Leitrebsorte bei Euch. Leider wird der Silvaner momentan unterschätzt. Was kann diese Traube hergeben und wie wird sie bei euch interpretiert?

Jörg: Silvaner gibt so einiges her. Erstens geschichtlich: Sie ist einfach DIE typische Rebsorte für Rheinhessen. Zweitens geographisch: Wir sind auch gleichzeitig das Gebiet mit der größten Silvanerfläche weltweit. Diese Rebsorte ist auch extrem vielseitig. Wir bauen den Silvaner in drei Kategorien aus.

Einmal als Gutswein, sehr sortentypisch mit tropischen Aromen und dezenten Heunoten. So eignet er sich als idealer Essenbegleiter und ist Allround – Talent.

Die zweite Variante ist der Wolfsheimer Silvaner Ortswein, hier ist der Wein im Holzfass vergoren, hat eine reife und intensive Aromatik. Ideal für einen Abend zu zweit oder ein kräftigeren Hauptgang.

Der dritte im Bunde ist der St. Kathrin Silvaner Lagenwein. Hier durfte sich Martina austoben. Er ist zum Teil auf der Maische, zum Teil im Tonno vergoren und gelagert. Er zeigt einfach zu 100 Prozent unsere Handschrift und die Experimentierfreude.

Und dann gibt es die Scheurebe! Sie wird immer besser angenommen. Was ist der Leitgedanke und wie sollte eine Scheurebe idealerweise schmecken?

Jörg: Unser Leitgedanke bei der Rebsortenauswahl ist: Zurück zu den Wurzeln. Wir wollen traditionelle, typisch rheinhessische Rebsorten anpflanzen. Da ist Scheu ein perfektes Aushängeschild, denn Georg Scheu hat die Rebsorte vor 100 Jahren hier in Rheinhessen gezüchtet.

Idealerweise sollte eine Scheu frische, tropische Früchte und eine aninimierende Cassisnote in der Aromatik haben. Allerdings mögen wir die Rebsorte auch gerne anders. Zum Beispiel spontan vergoren und im Holzfass gelagert. Daraus ist eine unglaublich lagerfähige Scheurebe (St. Johanner Scheurebe trocken) entstanden.

Martina, Du bist mit nicht mal Mitte zwanzig schon voll in die Winzerarbeit integriert. Was ist das Wichtigste was Du von deinem Vater Jörg gelernt hast?

Martina: Ich erinnere mich noch gut an meine Realschulzeit, in der ich meinem Vater immer nach der Schule und am Wochenende geholfen habe. Einmal, mitten im Herbst, sagte mein Papa zu mir: Egal was du hier machst, bei jedem Handgriff muss dein Gedanke sein: Wie kann ich die Arbeit noch schonender für den Wein gestalten. Dieser Moment ist mir bis heute noch in Erinnerung geblieben und die Aussage begleitet mich immer noch in meinem täglichen Arbeiten.

Wie empfindest du die neue, junge deutsche Weinszene? Sharing is caring oder Ellenbogen?

Martina: Ich finde sie ziemlich cool. Obwohl ich sagen muss, dass ich es gar nicht anders kenne, als das die Jungwinzer zusammen arbeiten. Es macht einfach unheimlich viel Spaß, sich auszutauschen. Bei Treffen mit anderen Jungwinzern erzählt man davon, was man neues ausprobiert hat, und ob es erfolgreich oder ein totaler Reinfall war. Nicht nur, dass wir davon alle profitieren, es gibt auch neue Motivation.

Wein steht im Zentrum Eures Schaffens, aber ist nicht alles im Leben. Was ist euch noch wichtig?

Martina: Ich bin am liebsten draußen unterwegs. Wenn ich nicht im Weinberg stehe, dann gehe ich gerne mit meinem Freund wandern oder Fahrrad fahren. Außerdem liebe ich es, in Restaurants essen zu gehen. Hier gibt es immer eine ganz tolle und gesellige Stimmung, man isst etwas Leckeres und hat einen tollen Wein im Glas. Was will man mehr?

Jörg: Ich liebe die Geschwindigkeit, vor allem bei Autos. Das ist für mich einfach ein toller Ausgleich.
Ich bereise auch sehr gerne andere Weinregionen, am liebsten Südtirol. Die Philosophie der Winzer und die schöne alpenangrenzende Landschaft geben einem wieder neue Ideen für das eigene Weingut. Die Ruhe am Kalterer See und die Geselligkeit auf den kleinen abendlichen Weinfesten sind pure Entspannung.

Weinmacher sind Künstler. Stellt Euch vor, ihr müsstet einen Eurer Weine musikalisch oder visuell präsentieren oder selbst zum Künstler werden. Zu welchem Wein passt, welches Musikstück oder Bild bzw. mit welchem Bild/Symbol würdet ihr diesen Wein zusammenbringen?

Martina: Hier würde ich den St. Kathrin Silvaner und den Osterberg Riesling für ein Musikstück nehmen: I just wanna live von Good Charlotte. Die Jungs singen davon, dass sie einfach leben wollen und nicht auf das hören was ihnen andere, allen voran ihre Lehrer, gesagt haben. So haben wir es auch mit den Lagenweinen gehalten. Einfach mal entgegengesetzt der Lehrmeinung gehandelt. Das gemacht worauf wir Lust hatten. Aber vor allem konnten wir den Wein sehr individuell behandeln und mussten die Trauben nicht in irgendein Korsett reinzwingen.